Der Stadtrat setzt voll auf Vulcan. Warum das ein Fehler ist!
Am 29. September 2026 hat der Neustadter Stadtrat die umstrittene Vorlage 266/2026 zur Tiefengeothermie beschlossen. Damit soll die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Stadtwerken und Vulcan Energy eine Absichtserklärung erarbeiten und die Gründung einer gemeinsamen Betreibergesellschaft prüfen.
Die BIGG hatte die Stadtratsmitglieder direkt vor der Abstimmung mit einem eigenen Flyer informiert und aufgefordert, diesen voreiligen Schritt abzulehnen. Auch wenn die Stadt betont, dass noch keine Bohrentscheidung gefallen ist: Hier wird Schritt für Schritt der Rote Teppich für ein risikobehaftetes Projekt ausgerollt.
Hier die wichtigsten Hintergründe, unsere Kritik und was das jetzt für uns bedeutet:

Schönwetter-Zahlen statt unabhängiger Prüfung Der Stadtrat stützt seine Entscheidung auf Angaben von Vulcan Energy: Eine Dublette soll 24 MW Leistung und 200 GWh Wärme pro Jahr liefern. Doch wo sind die unabhängig nachgewiesenen, standortspezifischen Daten dafür? Bisher verlässt man sich hier weitgehend auf die Aussagen von Vulcan. Es gab im Stadtrat kein realistisches Worst-Case-Szenario zu sehen. Stattdessen wird unter dem künstlichen Zeitdruck von Förderprogrammen eine politische Weichenstellung beschleunigt, bevor Risiken und Machbarkeit geklärt sind.
Das finanzielle Risiko wird auf die Bürger abgewälzt Die Verwaltung rechnet mit einem Schönwetter-Wärmepreis von ca. 11,5 ct/kWh (115 €/MWh). Aber selbst die Stadt räumt ein: Das ist nur eine vage Orientierung mit erheblichen Unsicherheiten. Dieser Preis funktioniert überhaupt nur bei einem gigantischen, extrem teuren Fernwärmeausbau und einer dauerhaft hohen Anschlussquote. Wer trägt das finanzielle Risiko, wenn Sommerabnehmer fehlen oder Bürger sich nicht anschließen lassen? In der jahrelangen Übergangszeit drohen massiv höhere Preise für die Endkunden. Denn erst in der Vollausbaustufe mit einem Verbrauch von 143 GWh sind die genannten Wärmepreise zu erreichen.
Aufsuchungsrechte machen Vulcan nicht zum Partner der Wahl Warum macht sich Neustadt von einem privaten, börsennotierten Unternehmen abhängig, dessen Hauptgeschäft die Lithiumgewinnung ist? Nur weil Vulcan bergrechtliche Aufsuchungsrechte besitzt, begründet das noch lange keine kommunalpolitische Zweckmäßigkeit. Warum wird bereits jetzt eine Absichtserklärung verhandelt und eine Betreibergesellschaft geprüft, anstatt zuerst unternehmensunabhängig die Rahmenbedingungen zu klären?
Nach uns vorliegenden Informationen hatte die Stadt durchaus die Option, mitteltiefe Geothermie in Kooperation mit einem anderen Anbieter anzugehen. Darüber wurde der Stadtrat nicht informiert.
Echte Alternativen werden einfach ignoriert Die Tiefengeothermie wird als „mit Abstand beste Lösung“ dargestellt – aber wurde sie wirklich methodisch gleichrangig verglichen? Neustadt verfügt laut Kommunalem Wärmeplan über erprobte und wirtschaftlich sinnvolle Alternativen ohne die spezifischen Risiken der hydrothermalen Tiefengeothermie:
- Biomasse: Regional verfügbar und bewährt
- Abwasserwärme: Dauerhaft und zuverlässig
- Mitteltiefe Geothermie: Risikoarm ohne Tiefengeothermie-Gefahren
- Solarthermie: Großes Potenzial auf kommunalen Flächen
- Großwärmepumpen an Gewässern oder Industriestandorten
In einem Vortrag einer Stadtwerke-Mitarbeiterin wurden alle relevanten Alternativen als untauglich abgestempelt. Sie seien entweder weniger ergiebig oder zu teuer. Es wurde dafür eine Preisspanne von 12,5 bis 28,5 Cent genannt. Die Solarthermie wäre 9 % teurer als Tiefengeothermie. Allerdings gab es keine konkreten Preise pro Variante. Auf die Frage eines Stadtrats, warum diese fehlen, bemerkte der Oberbürgermeister, das wären zu viele Daten für eine solche Präsentation. Offensichtlich möchte man Kritikern keine Munition für die Gegenargumentation geben.
Beim Wärmepreis für Tiefengeothermie von 11,5 Cent je kWh (unklar, ob mit oder ohne MwSt.) muss man noch die nicht betrachteten, notwendigen Reservekraftwerke mit einrechnen. Denn sonst würde bei technischen Problemen halb Neustadt im Kalten sitzen.
Außerdem hat Vulcan bisher nicht nachgewiesen, dass das Unternehmen diese hochkomplexe Kette von Technologien und Bergbauaktivitäten nachhaltig im industriellen Umfang betreiben kann, ohne Gefahren für die Umwelt zu verursachen. Darum müsste man seriöserweise einen ordentlichen Sicherheitsaufschlag auf den von Vulcan genannten Wärmepreis machen. Und schon liegen die Preise für die alternativen Technologien im gleichen Bereich.
Wer ohne Alternative verhandelt, ist dem Anbieter ausgeliefert Die SPD forderte in einem eigenen Antrag, weiterhin auch Alternativen zu prüfen und nicht allein auf Tiefengeothermie zu setzen. Leider wurde dieser Antrag abgelehnt. Wenn die Stadt einzig und allein auf Tiefengeothermie von Vulcan setzt, ist sie Vulcan ausgeliefert. Wenn Vulcan den Bau verzögert, höhere Preise verlangt oder höhere Investitionen von den Stadtwerken fordert, sind die Stadt und damit die Bürger die Dummen. Nicht alle Eventualitäten lassen sich im Vorfeld vertraglich absichern. Das musste die MVV (Energieversorger Mannheim) leidvoll erfahren, als Vulcan Wärme ab 2025 versprach und Mitte 2025 ankündigte, die Lieferung werde sich auf 2029 verschieben.
Hat Vulcan aktuell wirklich die Kapazitäten für Neustadt? Wir haben daran große Zweifel. Vulcan hat für das Projekt in Landau 2,2 Mrd. Euro an finanziellen Mitteln akquiriert. Damit ist Vulcan für die nächsten Jahre gut ausgelastet. Darüber hinaus gibt es das gemeinsame Projekt mit der BASF mit dem Ziel, dem Konzern Wärme zu liefern. Außerdem wartet auch Mannheim auf die Wärmelieferung. Vermutlich muss sich Neustadt hinten anstellen.
Sind die Geldgeber bereit, Vulcan weitere Projekte zu finanzieren? Die Börse bewertet Vulcan deutlich unter Buchwert. Das sollte den Verantwortlichen zu denken geben. Wir gehen davon aus: Bevor weiteres Geld in neue Projekte (LU, MA, NW …) fließt, werden Investoren und Banken erst einen Nachweis fordern, dass die Produktion in Landau im Großmaßstab läuft und dauerhaft Überschüsse erwirtschaftet werden. Schon hier kann der Traum von CO₂-freier Wärme durch Tiefengeothermie für Neustadt platzen.
Angeblich ist Vulcan bereit, Geothermie ohne Lithiumförderung zu betreiben Laut der Beigeordneten Frau Kunzendorff ist Vulcan bereit, nur Wärme zu produzieren, ohne Lithium zu fördern. Der OB ergänzte, allerdings könne Vulcan jederzeit einen Antrag beim Bergamt auf Lithiumförderung stellen. Was denn nun? Fakt ist: Das Geschäftsmodell von Vulcan ist die Lithiumproduktion.
Angeblich ist Geinsheim als Standort raus Laut der Beigeordneten Frau Kunzendorff plant man nicht mehr mit einem Standort an der Fronmühle in Geinsheim. Kann man glauben, muss man aber nicht. Selbst wenn es so sein sollte, muss man sich keine Illusionen machen: Wenn bei Duttweiler gebohrt und Lithium gefördert wird, würden eventuelle Erdbeben auch Geinsheim betreffen. Die Erde bebt ja nicht metergenau unter der Bohrstelle.
Unser Fazit: Noch ist kein Loch gebohrt – wir bleiben am Ball! Der Stadtratsbeschluss zeigt, wie leicht sich die Politik von Konzern-Versprechungen blenden lässt. Aber noch ist nichts entschieden! Die städtische Vorlage bestätigt selbst, wie viele wesentliche Fragen bei Wirtschaftlichkeit, Standort, Wasserrecht und Risikoverteilung vollkommen offen sind.
Die BIGG fordert weiterhin: Keine Verträge, keine Projektgesellschaften und keine Abhängigkeiten, bevor alle Risiken transparent auf dem Tisch liegen und echte Alternativen unabhängig verglichen wurden!

