Bundesvorsitzende hat Zweifel an Vulcans Dementi
Ariane Stachowsky, 55, Gefahrgutbeauftragte bei einem großen Landmaschinenhersteller und 1.Vorsitzende des Bundesverband Bürgerinitiativen Tiefe Geothermie e.V. Sie wohnt in der Nähe der Fronmühle und ist Gründungsmitglied der BIGG

Wie interpretierst du das Dementi zum FOCUS‑online‑Bericht von Vulcan? Ist das eine Aussage zum aktuellen Stand oder eine grundsätzliche Absage?
Der FOCUS‑Online‑Artikel vom 22. April hat viele Menschen in Geinsheim verständlicherweise verunsichert. Die Formulierung, Siemens und Vulcan wollten „zwischen Geinsheim und der Fronmühle“ ein Lithiumkraftwerk errichten, war schlicht falsch und wurde später korrigiert. Vulcan selbst hat gegenüber der Stadt Neustadt bestätigt, dass diese Darstellung nicht der Realität entspricht. Dieses Dementi bezieht sich jedoch ausschließlich auf den fehlerhaften Artikel – es ist keine grundsätzliche Absage an Aktivitäten im Raum Geinsheim. Das zeigt sich schon daran, dass Vulcan weiterhin die Aufsuchungsrechte für Geinsheim hält. Solange diese Rechte bestehen, bleibt das Gebiet Teil der langfristigen Optionen des Unternehmens.
Wie interpretierst du die Tatsache, dass das Dementi nicht auf der Vulcan‑Webseite zu finden ist?
Das passt exakt zu Vulcans Kommunikationsstil. Das Unternehmen korrigiert Fehler nur dort, wo es unbedingt nötig ist, vermeidet aber jede öffentliche Festlegung, die später als bindend ausgelegt werden könnte. Ein Dementi auf der Webseite wäre eine offizielle Unternehmensposition – und genau das will man offenbar vermeiden. In der PR wird maximal optimistisch kommuniziert, in den ASX‑Fußnoten stehen die harten Einschränkungen, und bei kritischen Themen bleibt man so unverbindlich wie möglich. Das Schweigen ist also kein Zufall, sondern Strategie.
Laut Quartalsbericht liegen die Aufsuchungsrechte für Geinsheim weiter bei Vulcan. Passt das ins Bild?
Ja, absolut. Die Aufsuchungsrechte sind für Vulcan ein strategischer Vermögenswert. Solange sie diese Rechte halten, behalten sie Planungsoptionen, Verhandlungsmacht und die Möglichkeit, später aktiv zu werden, wenn es wirtschaftlich attraktiv erscheint. Eine Aufgabe dieser Rechte wäre ein echtes Signal – und genau dieses Signal gibt es nicht.
Nach einer Quelle bei der Stadt soll es Überlegungen gegeben haben, sich um die Aufsuchungsrechte in Konkurrenz zu Vulcan zu bewerben. Eine gute Idee?
Wenn die Stadt Neustadt tatsächlich darüber nachgedacht hat, sich selbst um die Aufsuchungsrechte zu bewerben, dann wäre das vor allem aus einem Grund interessant: weil die Stadt damit eigene, risikoärmere und technisch sinnvollere Alternativen verfolgen könnte, statt sich von Vulcans Geschäftsmodell abhängig zu machen.
Neustadt hätte damit die Möglichkeit, eine mitteltiefe Geothermie nach dem Vorbild Schwerins umzusetzen – eine Technologie, die in geringeren Tiefen arbeitet, deutlich beherrschbarer ist und die seismischen Risiken der hydrothermalen Tiefengeothermie im Oberrheingraben vermeidet. Ebenso könnte die Stadt ein geschlossenes Tiefengeothermie‑System wie den Eavor‑Loop prüfen, das ohne Wasserentnahme, ohne Reinjektion und ohne Druckveränderungen im Untergrund auskommt und damit die typischen Risiken vollständig eliminiert.
Beide Ansätze wären echte Alternativen, die Wärmeversorgung ermöglichen, ohne dass man in 3.000–5.000 Meter Tiefe bohren muss – Tiefen, die ausschließlich für den Lithium‑Hype benötigt werden, nicht für kommunale Wärme. Wenn Neustadt die Aufsuchungsrechte selbst hielte, könnte die Stadt technologieoffen planen, eigene Projekte entwickeln und sich unabhängig von einem privaten Lithium‑Unternehmen machen, dessen Prioritäten nicht bei der kommunalen Wärmeversorgung liegen.
Laut unserer Quelle soll es vor kurzem Gespräche der Stadt und der Stadtwerke mit Vulcan gegeben haben. Von der Stadt gibt es dazu keinen Kommentar aber auch kein Dementi. Was ist davon zu halten?
Dass es Gespräche zwischen der Stadt, den Stadtwerken und Vulcan gegeben haben soll, überrascht mich nicht. Vulcan sucht aktiv nach kommunalen Partnern, um Akzeptanz zu erzeugen. Gleichzeitig stehen die Kommunen unter Druck, weil sie gesetzlich verpflichtet sind, Wärmepläne vorzulegen. In dieser Situation wirkt ein Anbieter, der schnelle Lösungen verspricht, natürlich attraktiv. Genau hier sehe ich aber ein Problem: Vulcan geht in Neustadt und auch in Haßloch ein und aus, ohne dass die Ortsvorsteherin oder die Öffentlichkeit informiert werden. Das führt dazu, dass Bürgerinnen und Bürger Entwicklungen nur über Umwege erfahren und sich überrumpelt fühlen.
Ich erwarte von einer Stadtverwaltung, dass sie Projekte wie das von Vulcan mindestens so kritisch prüft, wie wir es als Bürgerinitiative tun. Und ich erwarte, dass man sich aktiv mit Alternativen beschäftigt. Dass Bürgermeister nicht jede technische Tiefe selbst durchdringen können, ist verständlich. Was ich jedoch nicht nachvollziehen kann, ist, dass man dann nicht enger mit einer Bürgerinitiative zusammenarbeitet, die sich seit Jahren intensiv mit Tiefengeothermie, Risiken und Alternativen beschäftigt – und ausdrücklich nicht gegen erneuerbare Energien ist. Stattdessen entsteht der Eindruck, dass einem windigen Glücksritter mehr Vertrauen geschenkt wird als den eigenen Bürgerinnen und Bürgern, die das Thema fachlich durchdrungen haben.
Gespräche bedeuten keine Zustimmung. Aber Gespräche ohne Transparenz und ohne Alternativen bedeuten auch nicht Neutralität.
Was wären Alternativen zur einseitigen Fokussierung auf Tiefengeothermie im kommunalen Wärmeplan?
Es gibt zahlreiche Alternativen, die technisch ausgereift, risikoärmer und schneller umsetzbar sind: Großwärmepumpen, Abwärmenutzung, Solarthermie mit saisonalen Speichern, Power‑to‑Heat, Wärmenetze der 4. Generation, Hybridmodelle und Biomasse in begrenztem Umfang. Viele Städte gehen inzwischen bewusst weg von der Ein‑Technologie‑Strategie – und das ist richtig, denn Vielfalt schafft Resilienz.
Hinzu kommen zwei Technologien, die in der öffentlichen Debatte viel zu wenig Beachtung finden:
1. Mitteltiefe Geothermie, wie in Schwerin erfolgreich betrieben. Sie arbeitet in geringeren Tiefen, ist technisch beherrschbarer und vermeidet die seismischen Risiken der hydrothermalen Tiefengeothermie im Oberrheingraben.
2. Geschlossene Systeme wie der Eavor‑Loop, diese Technologie kommt ohne Wasserentnahme, ohne Reinjektion und ohne Druckveränderungen im Untergrund aus. Sie eliminiert die typischen Risiken der klassischen Tiefengeothermie vollständig. Wer Wärmeversorgung ernsthaft plant, muss solche Systeme mitdenken – gerade in unserer Region.
Denn eines ist klar: Für Wärme braucht man im Oberrheingraben keine 4.000–5.000 Meter tiefen Bohrungen. Diese extremen Tiefen werden ausschließlich für den Lithium‑Hype benötigt, der das Geschäftsmodell einer privaten GmbH ist. Vulcan ist nicht an der kommunalen Wärmeversorgung interessiert; die Wärme ist ein Nebenprodukt, das kommunikativ genutzt wird, um Akzeptanz für das eigentliche Ziel zu schaffen: Lithium.
Ich erwarte von jeder Kommune, dass sie sich aktiv z.B. auf Messen wie der Heat Expo in Dortmund informiert und Technologien im Realbetrieb anschaut. Genau deshalb fand ich es sehr positiv, dass Marcel Schwill, Stabsstellenleiter für Klimaschutz, Klimaanpassung und nachhaltige Entwicklung der Stadt Neustadt, gemeinsam mit uns die Eavor‑Anlage in Geretsried besucht hat. Das zeigt eine professionelle, offene und technologieoffene Herangehensweise – und genau diese Haltung braucht es in der kommunalen Wärmeplanung.
Wie ist die Situation in Landau? Wie gut kommt Vulcan dort voran?
Die Situation in Landau zeigt eine deutliche Kluft zwischen PR und Realität. Während Vulcan öffentlich von Fortschritten spricht, fehlen bis heute sämtliche belastbaren Leistungsdaten der Bohrungen: keine Förderraten, keine Temperaturprofile, keine Lithiumgehalte, keine Pumpkurven, keine Testdauer, keine chemischen Analysen. Die wenigen Hinweise finden sich ausschließlich in den ASX‑Fußnoten – und diese stillen Hinweise sagen mehr aus als jede PR‑Botschaft.
Die dokumentierten Probleme aus 2025 – instabile Formationen, Stickstoffeinsatz, ein gescheiterter Produktionstest und der kollabierte Seitenast LSC1a – tauchen in keiner späteren Präsentation mehr auf. Die Finanzierung ist zwar verkündet, aber an Bedingungen geknüpft. Die Lithiumproduktion bleibt Modellannahme, keine Realität.
Für mich ist entscheidend: Wenn ein Unternehmen echte Fortschritte erzielt, kommuniziert es Zahlen. Wenn es keine Zahlen kommuniziert, ist das selbst eine Aussage. Landau ist kein Erfolgsbeweis, sondern ein Projekt mit erheblichen technischen Unsicherheiten.
Wie hoch schätzt du aktuell das Risiko ein, dass Vulcan mittelfristig in Geinsheim bohrt?
Das Risiko, dass Vulcan in Geinsheim bohrt, lässt sich nur differenziert bewerten. Kurzfristig, also in den nächsten ein bis drei Jahren, halte ich das Risiko für gering. Vulcan ist mit den Standorten Schleidberg, Trappelberg und dem BASF‑Projekt in Frankenthal vollständig ausgelastet. Die Finanzierung ist an Bedingungen geknüpft, technische Leistungsnachweise fehlen weiterhin, der Lithium‑Markt steht unter Druck und gleichzeitig kommen Natrium‑Ionen‑Batterien in Serie, die ohne Lithium auskommen. Unter diesen Rahmenbedingungen ist Geinsheim kurzfristig nicht realistisch.
Mittelfristig, im Zeitraum von drei bis sieben Jahren, bleibt Geinsheim jedoch eine reale Option – und zwar aus einem einfachen Grund: Vulcan hält weiterhin die Aufsuchungsrechte. Solange diese Rechte bestehen, bleibt das Gebiet strategisch interessant. Sollte der Lithiumpreis wieder steigen oder sollten andere Standorte scheitern, könnte Geinsheim erneut in den Fokus rücken. Das Risiko ist also nicht akut, aber strukturell vorhanden.
Langfristig, also über sieben Jahre hinaus, sehe ich das Risiko dagegen deutlich sinken. Der Grund dafür liegt nicht in Geinsheim, sondern im globalen Wandel der Batterietechnologien. Eine klassische Lithium‑Ionen‑Batterie besteht zu rund 86 % aus Rohstoffen, die auf den Listen kritischer Rohstoffe der EU und der USA stehen – darunter Lithium, Mangan und Kobalt. Diese Rohstoffe kommen im Oberrheingraben nicht vor. Für Mangan wird inzwischen sogar die Tiefsee ins Visier genommen, mit massiven ökologischen Risiken. Kobalt wird unter Bedingungen gewonnen, die jedem bekannt sein dürften. Dass diese Problematik in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt, ist bemerkenswert.
Gleichzeitig entstehen weltweit neue Lithiumvorkommen, und alternative Batterietechnologien wie die Natrium‑Ionen‑Batterie kommen ohne Lithium, Kobalt, Nickel und Mangan aus. China baut bereits komplette Lieferketten dafür auf. Ich bin überzeugt, dass der Lithiumbedarf in den kommenden Jahren deutlich sinken wird – nicht nur wegen neuer Vorkommen, sondern weil Lithium durch unkritische, sichere und nachhaltigere Rohstoffe ersetzt werden wird. Weder die Entstehung einer Lithiumbatterie noch die ungelöste Frage des Recyclings sind in der öffentlichen Wahrnehmung wirklich angekommen. Die Politik setzt weiterhin auf Lithium, obwohl die technologische Entwicklung längst in eine andere Richtung zeigt.
Vor diesem Hintergrund ergibt sich ein klares Bild: Kurzfristig geringes Risiko, mittelfristig real, langfristig sinkend. Das Geschäftsmodell von Vulcan steht unter strukturellem Druck, weil es vollständig vom Fortbestand des Lithium‑Hypes abhängt. Die Zukunft gehört jedoch den Technologien, die ohne kritische Rohstoffe auskommen. Und genau deshalb wird die Wahrscheinlichkeit, dass Vulcan langfristig in Geinsheim bohrt, immer geringer.

